High-Need Kind und alleinerziehend

High-Need-Kinder und sogenannte „24-Stunden Kinder“ sind wohl für alle Eltern eine enorme Herausforderung. Diese Herausforderung als Alleinerziehende zu „bewältigen“ ist nochmal eine komplett andere Situation, wie ich nun aus meiner eigenen Situation heraus feststellen musste.

Habe ich die Trennung bereut?

Im vergangenen Jahr berichtete ich über die Trennung von meinem Mann (Trennung mit Kind, hier nachlesen), aufgrund dessen, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr geliebt zu werden. Der Graben zwischen uns wurde einfach zu groß. Oft denke ich natürlich an die vergangenen Jahre und an Situationen, in denen wir füreinander da waren. 8,5 Jahre habe ich selbstverständlich nicht ohne weiteres über Bord geworfen. Ab und an kam dieses Gefühl der Verzweiflung und ich habe darüber nachgedacht, ob das tatsächlich die richtige Entscheidung war. Vielleicht hätten wir diese Differenzen mit professioneller Hilfe überwinden können. Bereut habe ich es trotzdem nicht, denn der Gedanke, wieder zusammen zu sein war nicht mit dem Gedanken der Liebe verbunden, sondern damit, dass Alles einfacher wäre.

Was sich bei einer Trennung ändert

Nun ja, wohl so ziemlich alles ändert sich. Wo man gemeinsam das Kind ins Bett gebracht hat, da ist man nun alleine. An dem Punkt, wo man sich abwechselte, damit jeder auch freie Zeit hat (um z.B. zum Sport zu gehen, sich mit Freunden zu treffen etc.) muss man nun schauen, ob jemand unterstützend aufpassen kann. Genau dieser Punkt ist mit einem High-Need-Kind aber so eine Sache. Mit meinem Kind kommt leider kaum jemand zurecht und so würde es sich für mich falsch anfühlen, auch mal jemand anderen aufpassen zu lassen. Schließlich komme selbst ich häufig an meine Grenzen, wie kann ich das Anderen aufbürden? Glücklicherweise habe ich meine Eltern, die eine sehr große Unterstützung sind und meinen Kleinen oft nehmen, wenn ich mal nicht weiß, wo mir der Kopf steht oder auch mal eine Auszeit brauche.

Hat so eine Trennung auch Vorteile

Ja, denn hätte die Trennung für mich nur Nachteile gehabt, hätte ich mich wohl kaum getrennt. Man gewinnt Abstand vom Ex-Partner, was mir gut tut. Und auch wenn ich unter der Woche keine Zeit mehr für mich habe, so kann ich doch meistens am Wochenende ausschlafen und tun und lassen, was ich will. Denn das Wochenende gehört mir, meistens zum Mindestens. Wir haben die Zeiten so aufgeteilt, dass ich unseren Sohn von Sonntag bis Freitag und mein Mann von Freitag Abend bis Sonntag Nachmittag hat. Wenn er mal etwas am Wochenende vor hat, dann nimmt er ihn auch mal nicht.

Es hätte mich wohl schlimmer treffen können

Ich bin dankbar, dass mein Ex-Mann zu unserem Sohn ein so gutes Verhältnis hat. Komplett allein zu sein, also ohne Unterstützung, mit einem High-Need Kind möchte ich mir nicht ausmalen. Mein Kind liebe ich über Alles auf dieser Welt, trotzdem muss man sich auch im Klaren sein, dass viele Elternteile komplett alleine dastehen. Es gab immer mal wieder Situationen, da haben wir überhaupt nicht mehr miteinander gesprochen, weil ich so sauer und enttäuscht war. Zum Beispiel letzt Woche. Es war Donnerstag und mein Ex-Mann fragte mich, wie es mir denn ginge. Ich antwortete mit „gut“ und fragte ihn natürlich zurück. Seine Antwort:“Mir geht es überhaupt nicht gut, ich bin erkältet, ich hoffe mir geht es morgen besser.“ Mir war direkt klar, was das für eine Anspielung sein sollte. Er hätte genauso gut sagen können „Ich weiß nicht, ob ich den Kleinen morgen nehme.“. Dann war es Freitag, er konnte tatsächlich noch arbeiten gehen, aber unseren Sohn konnte er dann nicht nehmen. Die Woche davor war der Horror, weil der Kleine richtig krank war und extremst anstrengend, ich konnte kaum schlafen und hatte mich so sehr danach gesehnt, Samstag auszuschlafen. Ich weiß, ganz viele Mütter oder auch Väter können nie ausschlafen, aber da der Zwerg nach wie vor ein schlechter Schläfer ist und das nun seit 3,5 Jahren, ist es wirklich wirklich anstrengend. Außerdem war das das Ende von 2 Wochen Kindergartenferien, die mich ohnehin an meine Grenzen brachten.

Er schrieb mir dann jedenfalls, ich könnte ihn ja Samstag vorbeibringen. Samstag war er natürlich immer noch sterbenskrank und konnte ihn wieder nicht nehmen. Unser Sohn war außer sich, hatte er sich doch so auf seinen Papa gefreut. Das Wochenende war sehr anstrengend und ich bot ihm dann an, Samstag Abend seinen Vater anzurufen. Er rief also bei ihm an und ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er antwortete dem Kleinen nicht richtig und sagte dann „Ich rufe in 5 Minuten zurück!“. Mir war sofort klar, welchen Grund das hatte und ich mischte mich ein „Wo bist Du?“, fragte ich. Er sagte daraufhin: „Ich bin noch bei einem Kollegen.“, ich antwortete „Alles klar!“ und legte direkt auf, um Schlimmeres zu verhindern. Er meldete sich dann eine Stunde später, inzwischen hatte ich unser Kind beruhigt und er schlief endlich. Da sagte mein Ex-Mann tatsächlich, er war nur bei einem Kollegen, um sich Kopfschmerztabletten zu holen. Samstagabends um 22.00 Uhr. Und wenn ich wollte, könnte ich den Kleinen nun bringen. Ich legte erneut auf, den Rest klärten wir dann über WhatsApp, ich wollte nicht mehr mit ihm sprechen. Das sind so Situationen, die müssen eben nicht sein. Was denkt er sich dabei, dass ich Samstags um 22.00 Uhr ein 3jähriges Kind durch die Gegend fahre, nur weil sein Vater ein schlechtes Gewissen hat. Immerhin war sein Gewissen so schlecht, dass er ihn dann Sonntag ein paar Stunden nahm.

Wir regelt man das Finanzielle als alleinerziehender Elternteil?

Das ist eine gute Frage, offen gesagt fühle ich mich nicht gerade gut unterstützt und habe manchmal das Gefühl, in unserem System wurden Alleinerziehende komplett vergessen. Erstmal steht einem Unterhalt zu, wenn der Lebensmittelpunkt bei einem der Elternteile ist, nach der Unterhaltstabelle wären das in unserem Fall aktuell 348,-€ und zur Hälfte Kindergeld (194,-€), also abzgl. 97,-€. Es bleiben also 251,-€, was sich gar nicht so schlecht anhört, stimmt. Diese Berechnung trifft aber nicht zu, wenn der Partner zu wenig verdient, dann kommt eine Mangefallberechnung zum Einsatz. Mein Ex-Mann hat noch ein Kind aus einer früheren Beziehung, welchem er gegenüber natürlich auch Unterhaltspflichtig ist. Er kann also nicht vollen Unterhalt zahlen. Somit stehen mir 121,-€ zu, mir gehen demnach 130,-€ „verloren“. Wer das ausgleicht? Niemand. Viele sagen zu mir: „Aber es gibt doch den Unterhaltsvorschuss!“. Richtig, der ist jedoch auch vermindert und kommt nur zum tragen, wenn der Partner nicht zahlt. Das ist bei uns aber nicht zutreffend. Also bleibe ich letztlich darauf sitzen.

Unterhalt wird weiter gekürzt

Seit diesem Jahr ist jedoch eine erneute Änderungen eingetreten, die ich ebenfalls ausbaden muss. Wir waren zum Jahresanfang gezwungen, die Steuerklassen zu wechseln, weil wir ja nunmal getrennt sind. Ich habe nun Steuerklasse 2, was erstmal besser ist. Mein Ex-Mann jedoch hat Steuerklasse 1, statt 3. Kurz zur Auffrischung: Steuerklasse 3 ist die günstigste Steuerklasse, wenn man nicht viel verdient, hat man auch kaum abgaben. Bei ihm macht das im Monat rund 200,-€ netto aus. Also wird der Unterhalt neu berechnet, nun stehen mir statt 121,-€ noch rund 60,-€ zu. Niemand gleicht das aus und wir wissen alle, wie schnell man 60,-€ für ein Kind ausgegeben hat. In unserem Fall ist es so, dass mein Ex-Mann nichts dafür kann, er kann nicht mehr verdienen und arbeitet Vollzeit. Oft habe ich von Bekannten gehört, dass es auch unterhaltspflichtige Elternteile gibt, die absichtlich weniger arbeiten oder einen Teil „unter der Hand“ bekommen, um bloß keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Das ist mir unverständlich, wie man so etwas tun kann.

Wie kann man nun also überleben?

Wäre ich angestellt, wäre ich vermutlich verloren. Der Waldkindergarten hat von 08.00 bis 15.00 Uhr geöffnet, Freitags bis 14.00 Uhr. Somit könnte ich halbtags arbeiten gehen und hätte vermutlich nach Abzug der Steuern 1.000,-€ monatlich, zzgl. Kindergeld (194,-€) und Unterhalt (60,-€). Mein Kleiner und ich müssten also von 1.254,-€ leben. In diesem Fall kann man jedoch Wohngeld und Kinderzuschlag beantragen (immerhin etwas!), verdient man weniger, kann man aufstockend ALGII beantragen. Aber diese Vorgehensweise finde ich auch nicht sehr gerecht, ALGII beantragen zu müssen, nur weil man alleinerziehend ist. Normalerweise müsste es dafür doch eine andere Leistung geben.

Jedenfalls habe ich das Glück (manchmal auch das Pech) selbstständig zu sein. Ich bestimme also selbst, wieviel ich in der Stunde verdiene. Das ermöglicht mir unabhängig zu sein, trotzdem habe ich jeden Monat Angst, mal nicht genügend Aufträge zu bekommen und als Mutter zu versagen. Das hört sich nun hart an, aber ja, dass ist meine Sorge. Nicht für mein Kind sorgen zu können. Es ist also stressig und im Grunde jeden Tag ein Kampf, für mich trotzdem die einzige Möglichkeit.

Wie mein 3,5-jähriges High-Need Kind inzwischen ist

Ich habe das wundervollste Kind auf Erden, dass empfinde ich aus tiefstem Herzen. Ja, auch Du wirst vermutlich für Dein Kind so empfinden und das wundervollste Kind auf Erden haben. Die Gefühle zu meinem Kind in Worte zu fassen, ist nach wie vor schwierig. Diese Liebe kann nicht in Worte gefasst werden. Mein neuer Partner ist kinderlos und ihm habe ich versucht zu erklären, wie die Liebe zu meinem Kind ist.

Ich erklärte es folgendermaßen:“In einer frischen Partnerschaft ist man auf Wolke 7, man blendet Alles aus, vollkommen verliebt und könnte den ganzen Tag grinsen, wenn man an den Partner denkt. Diese Verliebtheit ebbt in der Regel irgendwann ab, man kennt sich besser, die Beziehung wird im besten Fall stärker, aber es kehrt auch ein bisschen Alltag ein und man sieht nicht mehr alles durch die rosarote Brille. Bei meinem Kind ist das anders. Ich schaue es an und ich bin genauso verliebt wie am allersten Tag. Es ist das wundervollste Wesen auf Erden, wenn ich mit ihm Kuschel, habe ich nach wie vor Schmetterlinge im Bauch. Ich verzeihe alles, egal was passiert. Immer noch könnte ich ihn einfach stundenlang zugucken, beim spielen, aber sogar beim schlafen, wenn er nichts tut. Er sieht dann aus, wie ein kleiner Engel. Wenn er nicht da ist, denke ich beinahe jede Sekunde an ihn und vermisse ihn.“

Nun aber zum eigentlichen Thema, wie es bei uns derzeit aussieht. Als der Zwerg ein Säugling war und nachts nicht schlief, wir ihn den ganzen Tag und die Nacht tragen mussten, weil er sonst schrie, da sagten alle, dass sei nur eine Phase. Als er sich selbst fortbewegen konnte und immer noch nicht schlief, sagten immer noch alle, dass sei nur eine Phase. Aber das ist es nicht. Alles verändert sich, jeden Tag. Kinder werden immer unabhängiger und selbstständiger, drücken klar aus, was sie wollen. Das macht es nur leider nicht einfacher. Man wächst jedoch mit seinen Herausforderungen.

Bei uns ist es derzeit so, dass ich ihn um 12.30 Uhr vom Kindergarten abhole (wenn ich ihn länger lasse verliert er die Freude daran, also versuchen wir nun zeitweise verkürzte Tage). Manchmal freut er mich zu sehen, manchmal läuft er jedoch auch schreiend und protestierend vor mir weg, weil er noch bleiben will, obwohl er mich morgens anflehte, bloß nicht über Mittag bleiben zu müssen. In der Regel ist es mir vollkommen egal, was Andere denken, aber peinlich sind mir solche Situationen trotzdem. Alle Eltern gucken und ich habe tatsächlich noch kein Kind dort erlebt, welches sie so vehement wehrt. An solchen Tagen bin ich froh, wenn er irgendwann angeschnallt im Auto sitzt, wenn es gut läuft, beruhigt er sich bis Zuhause. Wenn es schlecht läuft, geht das bis Abends so weiter. Er fordert immer, er verhandelt alles (was manchmal auch sehr amüsant sein kann) und mag keine Kompromisse eingehen. Das wäre wohl auch zu viel verlangt. Es gibt nicht nur schlechte Tage, es gibt auch Tage die laufen absolut reibungslos von morgens bis Abends. Morgens ist auch oft schlimm, wenn er nicht aufstehen will, dann will er sich nicht anziehen lassen, in den Kindergarten geht er sowieso nie wieder…

Ja, auch das ist nur eine Phase. Aber danach kommt eben eine andere Phase und die ist nicht unbedingt einfacher.

Diese wundervollen Momente, die zu Dankbarkeit und unendlichem Glück führen

Auch diese Momente gibt es. Das sind zum Beispiel Momente, in denen mein Sohn mir Komplimente macht. Und das kann kaum einer so gut wie er, denn ich weiß, er lügt nicht. Er kann seine Liebe mit Worten ausdrücken und das ist wundervoll. Er sagt Dinge wie:

„Du bist sooo schön!“

„Du bist süß, Mama!“

„Ich habe Dich so lieb.“

„Ich bin so froh, dass Du bei mir bist!“

„Ich bin froh, Dich zu haben.“

Das sind nur einige Beispiele, der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Früher sagten wir immer „Ich habe Dich lieb, bis zum Mond und wieder zurück“, dass fiel mir wieder so ein und das sagte ich auch meinem Sohn und erklärte ihm den Hintergrund. Seine Antwort: „Ich hab Dich lieb, bis zum Dachboden und wieder zurück!“.

Alles Liebe,

9MonateKUGELRUND.de

 

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