3 Jahre Elternzeit, wovon lebt man?

Warum unser Sohn erst mit 3 Jahren in den Kindergarten geht

Das unser Sohn mit einem Jahr fremd betreut werden könnte, stand bei uns nie zur Debatte. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zum Einen ist unser 24- Stunden Kind nicht gerade sehr pflegeleicht und es wäre weder ihm, noch irgendwelchen Betreuungspersonen zumutbar gewesen, so früh in eine Fremdbetreuung über zu gehen. Und zum anderen gibt es genügend Studien darüber, die ganz klar dagegen sprechen. Niemals würde ich andere Eltern verurteilen, welche andere Entscheidungen treffen und unsere Entscheidung passt auch nicht zu jedem. Trotzdem hätte ich mir niemals vorstellen können, ein einjähriges Kind nicht Zuhause zu haben und wieder Vollzeit arbeiten zu gehen.

Mit zwei Jahren oder erst mit drei Jahren in den Kindergarten?

Diese Frage stellten wir uns lange. Wie ich bereits hier schrieb, hatte ich vor, eine Qualifizierung zur Tagesmutter zu machen, um mein Kind möglichst lang Zuhause betreuen zu können, ohne große finanzielle Einbuße zu erleiden. Zu den finanziellen Einbußen, vor denen wohl die meisten Eltern Angst haben, komme ich jedoch noch weiter unten.

Ich stellte mir also vor, die Qualifizierung in der Kindertagespflege zu machen und neben meinem Kind weitere Kinder bei uns Zuhause zu betreuen. Nachdem ich jedoch die Qualifizierung abgeschlossen hatte, sehnte ich mich bereits wenige Wochen danach nach einem einfachen Angestelltenverhältnis außerhalb und ohne Kind, weit ab von der Selbstständigkeit. Das hört sich jetzt möglicherweise hart an, aber gerade Eltern von High- Need Kindern und sicherlich auch andere Eltern können diese Entscheidung sicherlich nach empfinden. Zu dieser Zeit war bereits ein zweites Kind ausgeschlossen, wie sollte es dann mit mehreren Pflegekindern werden?! Also entschied ich mich vorläufig dagegen und suchte mir dann im Mai 2015 einen Job, in dem ich ohne mitdenken zu müssen ganz stur und stumpf arbeiten konnte. Auch das war nicht meine Welt, aber das wiederum ist eine ganz andere Geschichte zu der ich sicherlich demnächst nochmal kommen werde.

Warum nicht zur Tagesmutter/ Tagesvater

Nachdem ich in meiner „Klasse“ die anderen angehenden Tagesmütter und einen Tagesvater kennen lernte, war die Fremdbetreuung bei Tagespflegepersonal im häuslichen Rahmen für mich erledigt. Hätte ich die Anderen nicht kennen gelernt, hätte ich höchstwahrscheinlich auf die Studien zurück greifen können, welche grob besagen „Die schlechtesten Tageseltern sind für Kleinkinder immer noch besser, als eine Kindertageseinrichtung.“. An dieser Stelle möchte ich ganz klar sagen, dass nicht alle Tageseltern schlecht oder inkompetent sind. Es gibt sicherlich ganz viele, wundervolle, bindungs- und bedürfnisorientierte Tageseltern, aber unter meinen „Mitschülern“ schien keiner darunter zu sein. Alle waren nett, wir verstanden und gut, trotzdem hätte ich keinem mein Kind anvertraut.

Ich denke noch heute an Aussagen zurück wie „Meinen Kindern hat das schreien lassen auch nicht geschadet!“, „Bei uns wird aufgegessen!“, „Mit zwei Jahren müssen die Kinder aber schon mal langsam trocken werden!“ oder auch „Diese kleinen Tyrannen spielen uns aus.“. Das sind nur einige wenige Aussagen. Es wurde sogar darüber debattiert, wie man den Kleinen den Schnuller und die Windel abgewöhnt. Eine berichtete, gute Erfahrung damit gemacht zu haben, viel zu enge Windeln zu kaufen, in denen der Sohn nicht laufen konnte um dann zu sagen „Tcha, für so große Kinder gibt es keine Windeln mehr!“.

Ein weiterer Grund, welcher für uns dagegen sprach, war, dass Kinder sich sodann mit zwei Jahren an ihr komplett neues Umfeld gewöhnen und eine neue Bindung zu einer bis dahin fremden Bezugsperson aufbauen müssen. Um dann aber wiederum ein Jahr später aus dieser Struktur entrissen zu werden und in eine komplett neue Gruppe integriert werden und unter wieder fremden Menschen „leben“ müssen.

Kindergarten mit drei Jahren

Für uns blieb dann also nur noch, unseren Sohn mit drei Jahren in einen Kindergarten anzumelden. Für uns kam zunächst nur ein Waldorfkindergarten in Frage. Nachdem wir diesen jedoch besichtigten und uns mit den Erzieherinnen austauschten, hakten wir auch Waldorf ab. Bis dahin hatte ich immer viele gute Erfahrungen von Eltern mit Kindern in Waldorfeinrichtungen gelesen und auch die gibt es ganz bestimmt. Bei uns trafen jedoch direkt mehrere negative Aussagen aufeinander und so entschieden wir uns dagegen. Ein weiteres Konzept, was und gut gefiel, war das unseres ortsansässigen Waldkindergarten. Sie bieten nicht nur die 45 Stunden Betreuung an und das Konzept sprach uns sofort an. Eine der Vorstandsmitglieder lud uns direkt zu sich nach Hause ein und brachte uns das Konzept nochmal näher. Da wir auf der selben Straße wohnen, meinte sie direkt, wir seien ja quasi Nachbarn. Mit der Nachfrage „Seid ihr die mit den Stoffwindeln bei uns auf der Straße?“ brach auch sofort das Eis. Sie sah im Sommer öfter, dass wir diese draußen hängen haben und dann wurde immer spekuliert, wer dahinter steckt. Die Plätze in unserem Waldkindergarten sind ausgesprochen beliebt und wir hatten großes Glück, trotz Warteliste noch einen Platz zu ergattern. Bislang sind wir mit usnerer Entscheidung sehr zufrieden, aber wir haben ja auch noch alles vor uns.

Warum mein Mann nicht mehr arbeiten geht

Wie weiter oben bereits erwähnt, wollte ich nicht mehr Zuhause bleiben. Zwei Jahre hatte ich schon „hinter“ mir, ein drittes Jahr plötzlich undenkbar. Ich hatte das Gefühl, ausbrechen zu müssen und war furchtbar unglücklich mit mir und meinem Leben. So nutzlos fühlte ich mich noch nie, obwohl ich ja nicht faul Zuhause saß, sondern mein Kind betreute. Sofort musste ich handeln, sonst wäre ich verrückt geworden und so suchte ich mir einen Job. Dafür musste mein Mann seinen geliebten Job kündigen, was mir sehr leid tat. Viele Abende sprachen wir darüber, immer wieder holte ich mir in der Bewerbungsphase sein „Okay“ ab, denn ich wollte nicht mit dem Gefühl leben, das er für mich etwas aufgeben muss. Er sah, wie schlecht es mir ging und löste mich dann letztlich im Mai 2016 ab, für ein letztes Jahr Betreuung Zuhause.

Wie finanziell auskommen

Oft lese ich, dass Eltern sagen, sie könnten es sich nicht leisten, drei Jahre Zuhause zu bleiben. Ich sehe das anders, will aber auch nicht, dass sich jetzt jemand angegriffen fühlt. Wir haben wohl die so ziemlich schlechteste Konstellation die man haben kann und trotzdem überleben wir. Zu sagen, es wäre total einfach, wäre gelogen. Aber es ist machbar. Ein Bürojob (das was ich gelernt habe) kam für mich nicht in Frage, wegen der Zeiten. Ich brauchte zwar Abstand von Zuhause, aber bekam bereits bei meinem Mann mit, wie es ist, sein Kind wegen der Arbeit nicht mehr zu sehen. Das war ja nicht das, was ich anstrebte. Also kam nur ein Job mit Schichtsystem in Frage, einer, indem ich quasi ungelernt war. Mit Kindern muss man immer Kompromisse machen und manchmal auch Dinge aufgeben, da machte ich vor einem Job nicht halt. Und erst Recht war ich mir für nichts zu schade. So verdiene ich also nun tatsächlich Mindestlohn, 8,84€ pro Stunde. Schlechter kann es ja nicht sein und ich höre immer Eltern rum maulen, man käme nicht aus, wenn einer Vollzeit arbeiten geht und 2.000,-€ raus hat. Das Schichtsystem hat einen Vorteil: Man bekommt Zulagen für Feiertage, Sonntage und Nachtarbeit. Dafür arbeite ich aber auch oft bis 01.30 Uhr und natürlich an Sonn- und Feiertagen.

Unser Einkommen

Jetzt lege ich also mal ganz offen, wovon wir leben auch wenn man ja immer so schön sagt „Über Geld spricht man nicht“, stimmt, ich schreibe ja auch nur darüber:

1.172,26€ Mindestlohn, netto pro Monat, dazu kommen 40,-€ freiwillige Zulagen netto oben drauf und wenn ich sieben Spätschichten im Monat mache, nochmals 70,-€ netto Zuschläge.

Und weil wir noch nie arbeitslos waren und immer fleißig gearbeitet und in die Arbeitlosenversicherung einbezahlt haben, bekommen wir zum Dank KEIN Arbeitslosengeld. Warum nicht? Weil mein Mann unseren Sohn Zuhause betreut und somit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, ein Witz oder? Nur einer, über den man in unserer Situation nicht lachen kann.

Weil ich so wenig verdiene, dass ich selbst mit Kinderzuschlag und Wohngeld unseren Lebensbedarf nicht decken könnte, stehen uns aufstockende Sozialleistungen zu, genannt ALGII oder auch Hartz IV. Du glaubst nicht, wie peinlich es mir war, dort beim Jobcenter zu sitzen und Leistungen zu beantragen, obwohl ich Vollzeit arbeiten gehe. Und was man da so erlebt, möchte ich hier auch nicht näher beschreiben, sonst rege ich mich nur wieder auf und das habe ich in den letzten Monaten zu genüge getan.

Daraus resultieren also nochmals 220,-€ monatlich und meine Fahrkarte kostet nur 35,-€ weil ich Anspruch auf ein Sozialticket habe. Außerdem natürlich die 190,-€ Kindergeld.

Wir haben also gesamt zu dritt monatlich rund 1.700€, von denen wir alles bezahlen, sowohl die Fixkosten wie Miete, Strom und Versicherungen, als auch die ganzen Lebenshaltungskosten wie Lebensmittel, Bekleidung etc.

Wie lebt man von so wenig Geld?

Gewöhnungssache und viele Berechnungen. Ich bin ein totaler Excel und Statistiken Junkie, ich liebe es, mit Zahlen zu jonglieren. Das ist in unserem Fall ein riesiger Vorteil. Es gibt keine Ausgabe bei uns, die nicht verzeichnet wird. Seien es nun die 2,96€ für Brötchen oder die 1,99€ für den Discounter- Gouda. Es gibt keine unkontrollierten Ausgaben und es gibt für alles bei uns ein Budget, welches vorab für jeden Monat festgelegt ist und sich aus Durchschnittswerten von vier Monaten Haushaltsbuch führen berechnet. Zunächst fing ich an, ein handschriftliches Haushaltsbuch zu führen, dann stieg ich auf eine App um, die mir immer noch nicht reichte. Nun bin ich bei einer speziellen Software angekommen, bei der ich sogar auf einen Blick sehe, wie viel Geld noch für welche Lebensbereiche bleiben. Daran errechne ich zum Beispiel auch, wie viel  Geld pro Tag beispielsweise für Lebensmittel verbleiben.

Auf was müssen wir verzichten?

Zunächst musste das Auto weichen. Ja, mein geliebtes Auto, welches für mich für Freiheit und Unabhängigkeit stand. Als ich vor gut sechs Jahren meinen Führerschein machte, kaufte ich mir sofort ein Auto und ab da hatte ich immer ein eigenes Gefährt. Das war nun vorbei. So sparten wir uns ab da Kosten für Versicherung, Verschleiß, jährliche Kfz- Steuer und vor allem für Benzin. Wenn ich Spätdienst habe und bis Nachts arbeiten muss, dann die Straßenbahn nicht mehr fährt, leihe ich mir das Auto meiner Mutter. Dafür gebe ich ihr je Kilometer natürlich Spritgeld und einen Anteil für Verschleiß, auch wenn sie diesen nicht haben wollte. So geizig bin ich dann aber doch nicht. Als das Auto davon zog, zog also auch ein großer Geldfresser davon und ich kann wieder besser schlafen. Wer so ein altes Auto fährt, weiß wahrscheinlich wovon ich spreche. Jeden Tag bangt man, dass wieder etwas kaputt ist, was nicht nur eine Menge Ärger bringt, sondern auch viel Geld kostet, welches man nicht hat.

Wir gehen aber noch deutlich weiter, als nur unser Auto zu verkaufen. Wir verzichten im Prinzip auf jeglichen Luxus. Im Urlaub waren wir seit Jahren nicht mehr. Einmal halbjährlich gehe ich zum Friseur, dazwischen schneide ich mir den Pony selbst und meinem Mann schneide ich die Haare komplett selbst. Wir gehen so gut wie nie Essen oder aus, dafür haben wir aber ohnehin nicht die Zeit, also zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn uns mal danach ist, bestellen wir etwas beim Lieferdienst, auch das ganz selten und durch kalkuliert. Es gibt bei uns auch sonst keine Fertiggerichte, wir machen alles selbst, ausgenommen Brot, da habe ich oft keine Lust zu. Wenn wir einkaufen, checke ich genau die Angebote ab und ich weiß auch genau, in welchen fußläufig zu erreichenden Discountern, die Milch, der Gouda oder auch der Kaffee am günstigsten sind. Und zum Thema Getränke: Da entstehen uns kaum Kosten. Wasser kaufen wir nicht mehr in Flaschen, sondern filtern unser Leitungswasser. Leitungswasser kostet ziemlich wenig, auf die Menge gerechnet, die man trinkt. Der Filter kostet uns 4,-€ im Monat. Kaffee kaufen wir keine Pads oder Kapseln mehr, sondern nur den günstigsten löslichen Kaffee, den es gibt. Es gibt noch viele weitere Tricks, welchen ich mich mal in einem gesonderten Beitrag widmen werde.

Ist das Leben so lebenswert?

Eindeutig ja! Ich glaube, ich war fast nie zufriedener mit unserer finanziellen Situation. Das meine ich wirklich ernst, auch wenn es sich unglaubwürdig anhört. Seitdem wir so wenig Geld haben, habe ich sämtliche in der Bibliothek zu erhaltende Literatur über Finanzen und Vermögensaufbau gelesen und alles Wissen aufgesogen. Nie habe ich mich so sehr mit Finanzen auseinander gesetzt und ich möchte behaupten, hätte ich das bereits früher einmal getan, wäre ich heute wahrscheinlich finanziell abgesichert. Wie viel Geld ich tatsächlich veprasst habe und für sinnlose Dinge ausgegeben habe, möchte ich gar nicht wissen.

Als wir noch mehr Geld monatlich hatten, habe ich mich oft ärmer gefühlt und hatte Existenzängste. Die habe ich jetzt nicht mehr. Es ist ja Alles durchkalkuliert und ich weiß, solange wir uns an unser Budget in den einzelnen Kategorien halten, brauchen wir uns keine Sorgen machen. Nachts schlafe ich gut, ohne finanzielle Ängste. Existenzängste wären wohl deutlich schlimmer, nur weil mein auf materielle Luxusgüter nicht verzichten kann!

Was wird sich in Zukunft ändern?

Wenn einer von uns ab August wieder Teilzeit arbeiten geht und der andere entsprechend Vollzeit haben wir ja quasi fast 0,5 Gehälter in etwas mehr. Dann würden uns wahrscheinlich zum Mindest immer noch Kinderzuschlag zustehen oder Wohngeld. Demnach könnten wir uns dann wieder Luxus gönnen, in den Urlaub fahren, ein Auto kaufen oder was auch immer. Werden wir das tun? Ich hoffe nicht! Ich hoffe, dass wir von meinem angelesenen Wissen ein Leben lang profitieren werden und nie vergessen, wie glücklich einsparen machen kann.

Wie sieht es bei Euch aus? Verzichtet ihr, um eurer Kind Zuhause zu betreuen? Woran spart ihr?

Eure

9MonateKUGELRUND.de

 

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